Das Modellbaustudio Rhein-Ruhr in Essen werden viele von uns „Älteren“ noch kennen – ein Laden vollgestopft mit exotischen Bausätzen, die auch gestandenen Modellbaueraugen noch zum Leuchten brachten!
Aus dieser Modellbauschmiede stammt unser heutiger Bausatz …
Die Pulqui II im Maßstab 1:72, ein Resinkit aus der „Classic Plane“-Serie des Modellbaustudios Rhein-Ruhr:

Argentiniens Bestreben nach dem 2. WK einen eigenen Strahljäger zu bauen mündeten in der Pulqi I (Pfeil). Unter der Leitung des französischen Flugzeugkonstrukteurs Émile Dewoitine entstand ein bis auf das Rolls-Royce Derwent Triebwerk sehr konventionelles Tiefdecker Flugzeug mit graden Tragflächen und Bugradfahrwerk. Bei der Erprobung dieses ersten argentinischen Jets im August 1947 wurden nur mäßige Leistungen des untermotorisierten Prototyps erreicht. Das Projekt Pulqui I wurde daraufhin beendet.
Ein Pulqui I walk around:
https://warbirdswalkaround.wixsite.com/warbirds/fma-i-ae-27-pulqui-i
Kurt Tank sollte als nächster ausländischer Konstrukteur eine Chance erhalten für Argentinien einem leistungsfähigeren Jet als die Pulqui I zu bauen. Das nun Pulqui II genannte Flugzeug wurde unter Leitung von Kurt Tank mit Teilen des ehemaligen Focke Wulf Teams, sowie argentinischen Konstrukteuren realisiert.
Tank hatte sich zum Ende des 2. WK mit dem Bau der Ta 183 „Huckebein“ beschäftigt– ein Jet der zweiten Generation für die Luftwaffe. Die Ta 183 gab es nur auf dem Papier und als Wurf Modell . Ein Teil Mock Up (Cockpit/Oberrumpf) wurde gebaut. Die Ergebnisse der Ta 183 Forschungen flossen in das Projekt ein. Kurt Tank hat mit der Pulqui II quasi die Ta 183 doch noch bauen und fliegen können. Als Triebwerk sollte (wie bei der MiG-15) das Rolls-Royce Nene II dienen. Die Erprobung zeigte durchweg gute Leistungen. 5 Prototypen wurden gebaut, der Erste Prototyp war ein Gleiter ohne eigenen Antrieb. Die Zelle wurde eingehend im Flug getestet und bei anschließenden Belastungsversuchen zerstört. Zwei Prototypen stürzten bei der Erprobung ab . Ein Absturz war darauf zurückzuführen das sich der Pilot sich beim Abfangen in der Höhe verschätze, der andere wurde durch fehlerhafte Schweißnähte an den Tragflächen verursacht. Beide Piloten kamen ums Leben. Das Entwicklungsprogramm wurde immer wieder durch die wirtschaftliche Lage des Landes, sowie Regierungswechsel unterbrochen. Der Bedarf einer modernen argentinischen Jagdwaffe bestand weiter, aber eine Eigenentwicklung schien zu teuer. 1960 schließlich wurde das Programm entgültig beendet und North American F-86 „Sabre“ beschafft, welche auch etwas leistungsstärker als die Pulqui II waren. Die Pulqi I und II sind heute im Nationalen Luftfahrtmuseum von Buenos Aires zu bewundern.
Nützliche Links zur Geschichte der Pulqui II:
https://www.ipmsstockholm.se/home/pulqui-argentinas-jet-adventure/
https://www.luftfahrtmuseum-hannover.de/images/wehrmann/IAe%2033%20Pulqui%20II.pdf
Ein Pulqui II walk around:
https://warbirdswalkaround.wixsite.com/warbirds/fma-i-a-33-pulqui-ii
Außerdem ist das Heft Flugzeug Profile Nr. 73 sehr zu empfehlen.
Nach dem kleinen Ausflug in die Geschichte nun endlich zum Modell. Die Teile sind sauber in Resin gegossen. Auf den Oberflächen finden sich feine Gravuren und nicht eine Luftblase ist zu finden. Sogar die Kleinteile sehen brauchbar aus, was bei Resin Bausätzen nicht immer selbstverständlich ist! Die beiden großen Rumpfteile sind hier schon miteinander verklebt da ich es nicht abwarten konnte mit dem Bau zu beginnen….
Die Kabinenhaube ist tiefgezogen. Sie ist etwas schlierig und leicht getönt. Beides fällt aber kaum auf und kann durch ein Bad in Future abgemildert werden:

Die Decals sind sehr sauber gedruckt und der Trägerfilm scheint hauchdünn zu sein. Leider hatte mein Bogen diese bräunlichen Flecken:

Die Bauanleitung ist sehr kurz und besteht im Wesentlichen aus zwei Zeichnungen die Position und Montage der Teile zeigen. Unten auf der Seite werden Literaturhinweise gegeben was sehr löblich ist!

Die Abmessungen und Proportionen stimmen. Die Oberflächen sind insgesamt sehr ansprechend mit ihren feinen Gravuren. Sehr viele Details sind wie auch am Original aber nicht zu finden. Der Bausatz gefällt und ermöglicht es eine originalgetreue Pulqui II zu bauen. Der Bauaufwand ist schon größer als bei Spritzguss und es gibt einiges, das noch verbessert werden könnte. Trotzdem beide Daumen hoch für diesen insgesamt guten Resin Kit!
Bei Resin Kits sind die Arbeitsschritte und Materialien etwas anders als gewohnt. Als Kleber für die großen Bauteile hat sich bei mir ein langsam aushärtender Sekundenkleber bewährt. Für kleinere Teile, zum Stifte einsetzen und spachteln verwende ich dünnflüssigen Sekundenkleber. Schleifen sollte man nass und mit Maske, da der Staub nicht gesund ist. Spalte fülle ich mit dünnflüssigem Sekundenkleber und Schleifstaub.
Der Lufteinlass verdient ein Update, welcher sich beim Kit schon im Ring teilt. Das war mir ein Stück zu weit vorne. Den Steg habe ich rausgeschnitten und verschliffen. Damit etwas Tiefe beim Blick in den Rumpf entsteht habe ich diesen etwas aufgefräst. Ansonsten blickt man direkt auf eine (schwarze) Wand:

Den Steg welcher den Luftstrom teilt habe ich aus Plastik Card nachgebaut und tiefer im Rumpf eingeklebt. Leider ist mir die mittlere Bohrung verrutscht – mit vorkörnen wäre das nicht passiert…

Beim Anpassen der Tragflächen ist es sinnvoll Stifte zum positionieren einzukleben. Ich habe Stahldraht mit 1mm Durchmesser verwendet.
Leider tat sich eine Lücke am Übergang Hinterkante Tragfläche und Rumpf auf. Der bogenförmige Übergang fehlte:

Ich habe den Bogen rekonstruiert, indem ich gezogenen Gussast über die komplette Länge der Flächenhinterkante anklebte, welchen ich im Bogen am Rumpf auslaufen ließ. Das Loch im Bogen habe ich mit PS Schnipseln und Sekundenkleber gefüllt. Durch das schleifen des angeklebten gezogenen Gussastes entsteht eine messerscharfe Hinterkante. Auch Ungenauigkeiten können so ausgeglichen werden.
Alle Klebenähte und sonstige verdächtige Stellen habe ich Grundiert um Fehlstellen zu entdecken:

Die 20mm Kanonen habe ich mit abgesägten Kanülen dargestellt. Das Abdeckband dient als Richthilfe für die Maske:

Der rote Streifen ist an den Schriftzug angepasst. Die Decals in meinem Kit haben leider nicht mehr funktioniert, aber ein Bogen aus einem schlimmen Vacu Kit half weiter:

Etwas Drama …
… aber am Ende kommt mit etwas Mehrarbeit ein ansehnliches Modell heraus:

An der Nase ist etwas zu viel Rot und das Fahrwerk könnte etwas kürzer sein, aber irgendwas is ja immer …
… und solange mein Mitarbeiter noch lächelt, ist alles in Ordnung!
Erhältlich leider nur noch antiquarisch…
Hartmut Koßmann, Badbergen
